Hilfe, mein Kind hat sich etwas gebrochen!
Was ist ein Knochenbruch?
Ein Knochenbruch, medizinisch Fraktur genannt, entsteht, wenn die Belastung auf einen Knochen so groß ist, dass seine natürliche Struktur unterbrochen wird. Ursache können beispielsweise Stürze, Unfälle oder andere starke Krafteinwirkungen sein. Auch bestimmte Vorerkrankungen oder wiederholte Belastungen können Knochenbrüche begünstigen.
Grundsätzlich wird unter anderem zwischen offenen und geschlossenen Frakturen unterschieden:
- Offene Fraktur: Zusätzlich zum Knochenbruch besteht eine offene Wunde im Bereich der Fraktur. Dabei können Knochenanteile sichtbar sein, müssen es aber nicht. Wegen der erhöhten Infektionsgefahr muss eine offene Fraktur rasch medizinisch versorgt werden.
- Geschlossene Fraktur: Die Haut über dem gebrochenen Knochen ist unverletzt. Von außen kann eine geschlossene Fraktur deshalb nicht immer sicher von einer Prellung oder Verstauchung unterschieden werden.
- Luxationsfraktur: Hier treten ein Knochenbruch und eine Ausrenkung eines Gelenks gemeinsam auf.
- Spiralfraktur: Bei dieser Form verläuft die Bruchlinie spiralförmig um den Knochen. Sie kann durch eine starke Drehbelastung entstehen.
Wichtig: Ob tatsächlich ein Knochenbruch vorliegt und um welche Art von Fraktur es sich handelt, lässt sich anhand äußerer Anzeichen allein nicht immer sicher feststellen. Die Diagnose gehört in ärztliche Hände.
Knochenbrüche bei Kindern
Kinderknochen unterscheiden sich von den Knochen Erwachsener. Sie befinden sich noch im Wachstum, sind elastischer und besitzen eine vergleichsweise kräftige Knochenhaut. Deshalb können bei Kindern besondere Formen von Knochenbrüchen auftreten und manche Fehlstellungen im weiteren Wachstum teilweise ausgeglichen werden.
Eine typische Verletzung im Kindesalter ist die sogenannte Grünholzfraktur. Dabei bricht der Knochen nicht vollständig durch. Vereinfacht gesagt ähnelt dies einem jungen, biegsamen Ast, der auf einer Seite einreißt, während die andere Seite noch zusammenhält.
Eine besondere Bedeutung haben bei Kindern außerdem die Wachstumsfugen (Epiphysenfugen). Verletzungen in diesem Bereich müssen sorgfältig ärztlich untersucht und behandelt werden, da die Wachstumsfugen für die weitere Entwicklung des Knochens wichtig sind.
Was sind Wachstumsfugen?
Die Wachstumsfugen, auch Epiphysenfugen genannt, befinden sich bei Kindern und Jugendlichen zwischen bestimmten Bereichen eines Knochens und ermöglichen dessen Längenwachstum. Sie bestehen während des Wachstums aus Knorpelgewebe und verknöchern im Laufe der Entwicklung. Eine Verletzung der Wachstumsfuge sollte deshalb immer ärztlich beurteilt werden, da sie in bestimmten Fällen das weitere Knochenwachstum beeinträchtigen kann.
Bei Kindern ereignen sich 80 % der Knochenbrüche an den Röhrenknochen, sprich Arme und Beine. Bei 20 % der Frakturen sind andere Knochen, wie Kopf und Wirbelsäule, betroffen. Da Kinder ein anderes, vom Alter abhängiges, Potenzial der Selbstreparatur haben, verheilen die Brüche bei Kindern schneller. Hierein spielen auch die Wachstumsfugen (Epiphysenfugen*) eine entscheidende Rolle, denn sie sind für das Wachstum und die Heilung unverzichtbar. Daher ist die Heilung einer Fraktur bei jungen Menschen um ein Vielfaches einfacher und schneller als bei älteren Menschen. Ein 7-Jähriger wird mit einem Knochenbruch nicht so lange zu kämpfen haben, wie ein 70-jähriger Mensch. Mit ein Grund ist die intakte Knochenhaut, die den Bruch zusammenhält und die Knochenteile weiter mit Nähr- und Sauerstoff versorgt. Diese Knochenbrüche nennt man Grünholzfraktur.
*Die Wachstumsfugen / Epiphysenfugen befinden sich zwischen dem Knochenende und dem Knochenschaft. Sie ermöglichen das Längenwachstum der Knochen. Die Epiphysenfugen bestehen aus Knorpelgewebe, welches mit zunehmendem Wachstum durch Knochengewebe ersetzt werden. Daher ist eine Fraktur im Bereich der Wachstumsfuge gefährlich, denn es kann das Wachstum an dieser Stelle beeinträchtigt sein.
Wie kann ich einen möglichen Knochenbruch erkennen?
Mögliche Hinweise auf einen Knochenbruch sind:
- Schmerzen an der verletzten Stelle
- Schwellung und Bluterguss
- eingeschränkte oder schmerzhafte Beweglichkeit
- Schonhaltung
- ungewöhnliche Stellung oder Form eines Körperteils
- bei einer offenen Fraktur eine Wunde im Bereich des Knochenbruchs
Eine sichtbare Fehlstellung oder sichtbare Knochenanteile sind deutliche Warnzeichen. Allerdings kann auch ohne diese Anzeichen ein Knochenbruch vorliegen.
Wie kann ich meinem Kind helfen?
- Trösten Sie Ihr Kind und beruhigen Sie es
- Stellen Sie den Bruch ruhig, indem Sie ein feuchtes Tuch umwickeln und die betroffene Stelle in einer möglichst angenehmen Position halten. Bei einem offenen Bruch hingegen legen Sie sterile Wundauflagen auf die betroffene Wunde und lagern Sie den Bereich hoch. Das Kühlen dient zur Minimierung der Schwellung und das Hochlagern verhindert eine Schädigung an Nervenbahnen und Blutgefäßen
- Hält sich Ihr Kind z.B. den Arm selbst so, dass es ihm keine Schmerzen bereitet bzw. diese erträglicher macht, lassen Sie diese Haltung ruhig zu, allerdings sollte Ihr Kind nicht herumlaufen
- Fahren Sie mit Ihrem Kind ins Krankenhaus oder rufen Sie den Rettungsdienst über die 112 an
Wie kann ich meinem Kind bei einem möglichen Knochenbruch helfen?
- Bleiben Sie ruhig, trösten Sie Ihr Kind und erklären Sie ihm, was Sie tun.
- Bewegen Sie die verletzte Körperregion möglichst wenig. Lassen Sie Ihr Kind eine Haltung einnehmen, die ihm möglichst wenig Schmerzen bereitet.
- Versuchen Sie nicht, einen sichtbar fehlgestellten Knochen selbst einzurichten oder geradezustellen.
- Bei einer offenen Wunde decken Sie diese möglichst steril bzw. keimarm ab. Drücken Sie keine herausragenden Knochenanteile zurück.
- Eine vorsichtige Kühlung kann Schmerzen und Schwellung lindern. Legen Sie Kühlmaterial jedoch nicht direkt auf die Haut.
- Lassen Sie Ihr Kind bei Verdacht auf eine Bein-, Becken- oder andere schwere Verletzung nicht unnötig herumlaufen.
- Lassen Sie einen vermuteten Knochenbruch ärztlich untersuchen.
Rufen Sie den Rettungsdienst über die 112, wenn beispielsweise eine schwere Fehlstellung oder offene Fraktur vorliegt, starke Blutungen auftreten, die Durchblutung oder das Gefühl im verletzten Körperteil beeinträchtigt erscheinen, mehrere schwere Verletzungen bestehen oder der Allgemeinzustand Ihres Kindes Anlass zur Sorge gibt.
Bei einem akuten medizinischen Notfall gilt immer: 112.
Wie wird ein Knochenbruch bei Kindern behandelt?
Bei Verdacht auf einen Knochenbruch untersucht die Ärztin oder der Arzt zunächst die verletzte Körperregion. Je nach Art und Lage der Verletzung können bildgebende Verfahren wie Röntgen oder Ultraschall, in bestimmten Fällen auch weitere Untersuchungen, erforderlich sein.
Die Behandlung richtet sich unter anderem danach, welcher Knochen betroffen ist, wie der Bruch verläuft, ob die Wachstumsfuge beteiligt ist und ob die Knochenanteile gegeneinander verschoben sind.
Viele Knochenbrüche bei Kindern können konservativ, also ohne Operation, behandelt werden. Dabei wird die verletzte Körperregion beispielsweise mit einem Gipsverband oder einer geeigneten Schiene ruhiggestellt. Ist der Knochen verschoben, kann es notwendig sein, ihn zuvor medizinisch wieder in die richtige Position zu bringen.
Bei bestimmten Frakturen kann eine operative Behandlung erforderlich sein. Welche Behandlung für Ihr Kind geeignet ist und wie lange die Heilung voraussichtlich dauert, entscheidet das behandelnde medizinische Team anhand der jeweiligen Verletzung.
Bei Verletzungen von Kindern gilt: Ruhe bewahren, die Situation einschätzen und überlegt handeln. Wissen und Handlungssicherheit helfen Eltern und anderen Bezugspersonen, auch in unerwarteten Situationen die richtigen nächsten Schritte einzuleiten.
Über die Autorin
Dr. med. Christiane Puck
Fachärztin für Anästhesie, Notfallmedizin, und Palliativmedizin, Gründerin des Projekts und des Vereins „Doc Puck zeigt es“ e.V. – Kinder retten Leben. www.docpuckzeigtes.de
Mehr zu Christiane Puck
Christiane Puck ist Fachärztin für Anästhesie, Notfallmedizin und Palliativmedizin. Nach ihrer Approbation ging sie als Stipendiatin der Fulbright-Stiftung für zwei Jahre nach Boston und machte dort ihren Master of Public Health. Am Universitätsklinikum Bonn absolvierte sie ihre Facharztausbildung zur Anästhesistin. Im Rahmen ihres Berufs ist sie auch als Notärztin tätig.
Während ihres Berufslebens, aber auch bei ihrem privaten Engagement für Kinder („Kids save Lives“, „Lesen verzaubert“) hat Christiane festgestellt, dass Kinder im Gegensatz zu Erwachsenen angstfrei, furchtlos, mutig und wissbegierig sind. Daher kann man sie auch für das so wichtige Thema der Lebensrettung begeistern. In Deutschland wird Erste-Hilfe für den Führerschein erlernt und dann schnell wieder vergessen. Anders ist es in den skandinavischen Ländern dort ist Erste-Hilfe bereits in der Grundschule ein Schulfach mit dem Erfolg, dass mehr als 70 % der Bevölkerung Erste-Hilfe leisten können. In Deutschland können dies nur 20-30 %.
Mit ihrem Projekt „Doc Puck zeigt es“ will Christiane ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen: Erste-Hilfe zu leisten muss in Deutschland „in“ werden. Sie ist davon überzeugt, dass dies nur über die Kinder zu schaffen ist, denn Kinder lernen schon in jungen Jahren Erste-Hilfe wie Fahrradfahren und Schwimmen und vergessen es nie wieder.
Pflasterpass® und „Doc Puck zeigt es“ verbindet ein gemeinsames Anliegen: Kinder frühzeitig dabei zu unterstützen, Wissen, Sicherheit und Handlungskompetenz für Notfallsituationen zu entwickeln.
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